Rollstuhlhandball-Aktionstag auf dem Oberwerth
von René Weiss
Ein paar Minuten zum Warmwerden sind im Handball unerlässlich. Den Körper auf Betriebstemperatur bringen, die Muskeln auf die Belastung vorbereiten und die Bänder dehnen. Oder eben auch mit dem Sportgerät vertraut werden. Dieser Eingewöhnungsteil machte den Anfang vor dem „Schnupperspiel“ als Highlight des Rollstuhlhandball-Aktionstags in der Koblenzer EPG Arena. Die richtige Sitzposition finden, Vorwärtskommen und das Prellen des Balles koordinieren, enge Kurven schlagen – das gehörte für die Neulinge dazu. Die Neulinge, das waren gut ein Dutzend Handballer des HC Koblenz und von HB Mülheim-Urmitz, die sich mit dem amtierenden deutschen Meister maßen. Natürlich mit sportlichem Ehrgeiz, aber vor allem mit viel Neugier. Die RSG Blue Bandits, wie sich die Rollstuhlhandballer der Rollstuhl-Sportgemeinschaft Hannover nennen, sind eifrige Werbetreibende in ihrer Nische. Deutschlandweit leisten sie ihren Beitrag zur Inklusion. Kürzlich in Hamburg, demnächst bei den Finals in Hannover und nun auch in Koblenz, wo der HC Koblenz, der Handballverband Rheinland, der Landessportbund Rheinland-Pfalz, die Sport-Inklusionslotsen Rheinland-Pfalz, der Behinderten- und Rehabilitationssport-Verband Rheinland-Pfalz mit Unterstützung der Stadt Koblenz und diverser Sponsoren die Organisation übernahmen.
Ihre Wurzeln hatte die erfolgreiche Veranstaltung im Engagement der Else-Schütz-Stiftung, die vielfältig soziale Projekte fördert, und zwölf Sportrollstühle in die Koblenzer Vereinslandschaft bringen wollte. Das Angebot stieß zunächst auf keinen Bedarf. Das will der HC Koblenz ändern. „Unser Wunsch ist es, eine Rollstuhlhandball-Mannschaft mit Beteiligten aus der ganzen Region aufzubauen. Es soll kein reines HCK-Ding sein“, sagt der Co-Vorsitzende Tobias Rouette. Beim Aktionstag auf dem Oberwerth gingen alle Beteiligten mit einem guten Beispiel voran und das Interesse an diesem Inklusionsformat konnte sich sehen lassen. Selbst aus Bonn war eine Jugendmannschaft angereist.
Meike Lüder-Zinke ist eine Pionierin im deutschen Rollstuhlhandball. Sie hat einst einen eigenen Fachbereich im Deutschen Rollstuhlsport-Verband geleitet, ist 1. Vorsitzende der RSG Hannover, leitet den seit April bestehenden neuen Verband für den deutschen Rollstuhlhandball und spielt selbst bei den Blue Bandits mit – als einzige Frau. „Bei uns spielen Männer und Frauen, Jung und Alt, Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam“, schildert sie. „Auch Spieler, die aufgrund einer schwereren Verletzung kein Fußgänger-Handball mehr spielen können, finden bei uns eine Heimat. Wir bieten auch dieser Gruppe eine Heimat und schaffen es, sie glücklich zu machen. Ich glaube der Bedarf an einem solchen sportlichen Angebot, das wir unterbreiten, wird in Zukunft steigen“, ist sich die rührige Funktionärin sicher.
Aus Koblenz verabschiedeten sich die Hannoveraner nach einer rundum gelungenen Veranstaltung mit einem guten Gefühl. „Für unsere Sportart ist es wichtig, weitere Multiplikatoren zu finden. Ich könnte mir gut vorstellen, dass hier etwas entsteht.“ Bereits zu acht sei ein Team für den Anfang spielfähig. Spaß hatten die Beteiligten bei ihren ersten Erfahrungen. Schnell fanden sie sich mit dem neuen Sportgerät zurecht. Welchen Weg die Initiative in der Region einschlägt, wird die Zukunft zeigen. Am Ende freuten sich alle, vor allem Tobias Rouette sowie Christoph Kimling, der als Ansprechpartner für Interessierte zur Verfügung steht, über die finalen Eindrücke, dass neben den Teilnehmern am „Schnupperspiel“ auch Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam auf dem Feld spielten. Die anfängliche Scheu vor dem etwas Ungewohnten war gewichen. „Genau das macht Inklusion aus“, resümierten Rouette und Kimling den erfolgreichen Tag. „Begegnungen dieser Art bereichern unsere Handballfamilie und eröffnen Menschen mit und ohne Behinderung neue Möglichkeiten, diesen Sport gemeinsam zu erleben. Wir haben ein Event voller Leidenschaft, Teamgeist und Dynamik erlebt“, zog die HVR-Gleichstellungsbeauftragte Silvia Wirges ihr Fazit.