13. Juli 2020

Philipp Alt: Gänsehaut und große Ziele

Ein weiteres Talent aus dem Handballverband Rheinland arbeitet an seinem Traum von einer erfolgreichen Karriere: Philipp Alt ist seit kurzem im Nachwuchsleistungszentrum der Rhein-Neckar-Löwen



Die Zimmer am Gang-Ende im ersten Stockwerk des Nachwuchsleistungszentrum der Rhein-Neckar-Löwen befinden sich inzwischen fast fest in rheinländischer Hand. Gianluca Herbel, Jo Knipp und seit wenigen Tagen auch Philipp Alt stehen dort auf den Namensschildern neben den Türen. Herbel und Knipp haben seit zwei Jahren in Nordbaden ihre Wahlheimat gefunden, vor kurzem machte mit Philipp Alt ein dritter ehemaliger Spieler von JH Mülheim/Urmitz das Trio aus dem Handballverband Rheinland komplett.

Die Rhein-Neckar-Löwen konzentrieren sich bei ihrem Scouting auf den Südwesten Deutschlands, damit sich der Weg zur Heimat in Grenzen hält. "So haben die Spieler an den Wochenenden besser die Möglichkeit, ihr Zuhause zu besuchen und die Eltern können wiederum während der Saison die Spiele sehen", sagt Tobias Scholtes. Das macht vieles einfacher, wenn die Teenager ihr gewohntes Umfeld verlassen und erstmals auf eigenen Beinen stehen. Der B-Jugend-Trainer der Rhein-Neckar-Löwen macht aber auch deutlich: "Es müssen schon aussichtsreiche Talente sein, um einen Platz bei uns zu bekommen." Philipp Alt bringt dieses Talent mit. Seit Anfang Juli wohnt der 15-Jährige hier und nimmt einen der zwölf Internatsplätze ein. "Als ich zum ersten Mal nach Kronau eingeladen wurde, hatte ich auf dem Hin- und Rückweg Gänsehaut", erzählt der Rückraumspieler, der bis vor der Corona-Pause in der B-Jugend-Oberliga für die Spielgemeinschaft aus Mülheim und Urmitz spielte. "Ich musste nicht lange überlegen, ob ich hierherkommen will. Das stand für mich von Anfang an fest."

Der Schritt nach Kronau ist für den Trierer eines von mehreren spannenden Kapiteln in einem Jahr mit Trampolineffekt. Zunächst kam die Einladung der Rhein-Neckar-Löwen, dann absolvierte er einen ersten Lehrgang mit der deutschen U16-Beachhandball-Nationalmannschaft in Witten, nun erfolgte der Umzug nach Baden-Württemberg und eine Einladung für den nächsten Lehrgang der U17-Nationalmannschaft liegt auch bereits vor. "Philipp hat direkt bei seiner ersten Vorstellung gezeigt, was er kann. Handballerisch hat er unsere Kriterien erfüllt, er passt als Typ zu uns und bringt die richtige Einstellung mit. Philipp hat die Löwen-DNA", berichtet Trainer Scholtes über den Spieler, der über sich selbst sagt, immer Gas zu geben bis es perfekt läuft sowie stets versuche Trainertipps direkt umzusetzen und sich zu verbessern. Die besagte Einstellung zum Handball machte schon der geleistete Aufwand in der Heimat deutlich: Knapp drei Stunden saßen Philipp und seine Eltern für jedes Training in Mülheim-Kärlich im Auto. Sein neuer Coach erkennt das hoch an: "Das alles der Handball-Liebe wegen zu tun, ist genau das, was wir möchten." "Meine Eltern haben mich immer unterstützt und alles für mein Hobby getan", weiß Philipp Alt die unzähligen Kilometer, die Mama und Papa zwischen Trier und Mülheim-Kärlich abspulten, und den damit verbundenen Zeitaufwand zu schätzen.

Aus dem Hobby Handball soll für den Rückraumspieler im besten Fall irgendwann einmal der Beruf werden. "Ich will es in die Bundesliga und als Endziel in die Nationalmannschaft schaffen", schildert er seine Ziele. "Ich weiß, dass ich hier die besten Voraussetzungen habe. Wir Spieler bekommen fast alles abgenommen und können uns voll auf den Handball konzentrieren." Den Handball und die Schule. Philipp Alt besucht nach den Sommerferien die 11. Klasse am Leibniz-Gymnasium im Kronau, mit dem die Rhein-Neckar-Löwen eine Kooperation pflegen. Die Stundenpläne der Handballer sind so gestaltet, dass sie zur 14-Uhr-Einheit im Kraftraum stehen können, ehe abends in der Regel das zweite Training des Tages mit Ball stattfindet. Die Wege sind kurz. Direkt neben dem Internat befindet sich eine Halle samt Fitnessraum, wo die Talente regelmäßig den Bundesliga-Stars wie Andy Schmid oder Uwe Gensheimer über den Weg laufen. "Alles fühlt sich sehr familiär an. So wurde ich auch direkt aufgenommen", schildert Alt seine ersten Eindrücke. "Wir sind kein Zuchtstall, sondern wollen den Spielern mindestens drei Jahre lang eine Heimat bieten, sie fördern und in die deutsche Spitze bringen", betont Scholtes. Dieses Vorhaben hat sich auch der Neu-Löwe aus dem Handballverband Rheinland fest in den Kopf gesetzt. Erst kürzlich unterzeichneten mit Philipp Ahouansou (Rhein-Neckar-Löwen) und Yessine Meddeb (Eulen Ludwigshafen) zwei Spieler aus dem Löwen-Internat Bundesliga-Profiverträge. Ahouansou hat im Keller des Leistungszentrums noch immer seinen Stauraum und im Erdgeschoss sein Zimmer - beide sind inzwischen leer geräumt. Die nächsten steht in den Startlöchern, auf den gleichen Schritt hinzuarbeiten. Tobias Scholtes macht deutlich, dass die Auslese auf diesem Weg groß ist: "Bei einem Verein wie den Rhein-Neckar-Löwen, der um die deutsche Meisterschaft mitspielt, brauchst du in der 1. Mannschaft Spieler, die direkt funktionieren." Die Motivation muss genauso stimmen wie das Talent. Alt, der erst vor fünf Jahren vom Schwimmen zum Handball wechselte (Scholtes: "Es nach so kurzer Zeit in ein Nachwuchsleistungszentrum zu schaffen, ist unüblich und eine große Seltenheit"), hat spätestens seit der DHB-Sichtung im Heidelberg in März sein Potenzial schwarz auf weiß. Unter allen Gesichteten aus Süddeutschland erreichte er im Sprint, Weitsprung, Hochsprung und Sechser-Sprint die Bestwerte.

Genau solche Qualitäten sind auch im Beachhandball gefragt. Im September spielt der DHB-Nachwuchs in Italien bei der U16-Europameisterschaft, und vielleicht auch Philipp Alt, der momentan an den regelmäßigen Trainings in Kelkheim teilnimmt. "Es wäre eine tolle Sache bei der Europameisterschaft dabei zu sein. Diese Chance gibt es ja nicht alle Tage", sagt er. Es ist eines der nächsten Ziele, an die sich so viele weitere fast nahtlos anschließen: die Bundesliga, die A-Nationalmannschaft und vielleicht ja auch eine Chance auf die deutsche Meisterschaft mit dem Löwen-Nachwuchs. "Das wäre auf dem Weg, den ich gehen will, ein nettes Nebenbei, aber natürlich auf jeden Fall etwas Tolles." Der junge Mann von der Mosel denkt nicht nur an Medaillen und Trophäen, ihm ist genau bewusst, worum es in den nächsten Tagen geht: "Ich möchte mich spielerisch und menschlich weiterentwickeln, um meine großen Ziele zu erreichen."

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