13. Dezember 2019

Großartige Erlebnisse am Zeitnehmertisch

Miezen, Länderspiele, Königsklasse - nach über 400 Erst- und Zweitligaspielen haben die Zeitnehmer Jürgen Junk und Roman Barth die Altersgrenze erreicht und verabschieden sich vom Tisch zwischen Spielerbänken.

Alles begann mit dem Aufstieg der Frauenmannschaft der HSG Wittlich in die damalige Regionalliga West Mitte der 1990er Jahre. Ab dieser Liga musste jeder Verein auch offizielle Zeitnehmer stellen. Jürgen Junk hatte seine Schiedsrichterkarriere (an der Seite des Wittlicher Originals Adi Kaspari) gerade beendet und war seit Gründung der HSG Wittlich im Jahr 1991 deren Zweiter Vorsitzender. Roman Barth musste seine aktive Handballkarriere im HSG-Trikot nach zwei Kreuzbandrissen und noch mehr Knie-Operationen an den Nagel hängen. Beide meldeten sich, als die HSG Freiwillige suchte, die an jener Zeitnehmerschulung des Handballverbands Rheinland teilnahmen. Insgesamt vier Wittlicher legten los, und schon früh war klar, dass Junk/Barth sich ideal am Zeitnehmertisch ergänzen würden.

"Ich konnte zwar nicht mehr Handball spielen, aber ganz ohne Handball ging es doch nicht", blickt Barth (heute 55 Jahre alt) zurück. "Ich dachte mir: Dann werde ich eben Zeitnehmer", ergänzt Junk. Einige Jahre waren sie im Bereich des HV Rheinland und in der Regionalliga aktiv, da suchte der Deutsche Handballbund Zeitnehmer für die Bundesligen. Wieder sagten Barth und Junk "Ja", meldeten sich für die Lehrgänge an - und bestanden die Prüfungen.

Und weil dies 1999 fast zeitgleich mit dem Aufstieg der Trierer Miezen in die erste Bundesliga geschah, kamen sie 20 Jahre lang sehr häufig in den Genuss, als Zeitnehmer bei MJC-Spielen in der Wolfsberghalle und später der Arena eingesetzt zu werden. "Wir waren für mindestens 150, eher 200 Trierer Spiele nominiert", blickt Junk (heute 76 Jahre) zurück. Die Aufgabenteilung war immer die gleiche: Junk war für die Uhr und die Zeitnahme zuständig, Barth notierte die Torschützen, Zeitstrafen oder Verwarnungen.

Der erste Höhepunkt für die beiden war DER Höhepunkt des Trierer Handballs: Als die Miezen sich am 4. Mai 2003 in der Wolfsberghalle gegen Leverkusen die deutsche Meisterschaft sicherten, waren die beiden Wittlicher Zeitnehmer. "Die Spiele in der Wolfsberghalle waren einfach unglaublich", erinnert sich Barth. Und mit den Erfolgen der MJC wuchsen auch ihre Aufgaben: Anfang 2004 waren sie bei zwei der drei Champions-League-Heimspiele der Miezen am Tisch - unter anderem jenen vor über 2500 Zuschauern gegen den mit zahlreichen Weltmeisterinnen gespickten russischen Verein Lada Togliatti. Unvergessen auch das Final-Rückspiel um die deutsche Meisterschaft 2005 vor über 4500 Fans in der Arena gegen Nürnberg, bei dem sie im Einsatz waren.

Durch eine glückliche Fügung wurden sie sogar Zeitnehmer bei einem Männer-Champions-League-Spiel. In der Qualifikation im September 2008 mussten die Rhein-Neckar Löwen mit Stars wie Blacky Schwarzer, Oliver Roggisch und Uwe Gensheimer gegen den luxemburgischen Meister HB Düdelingen ran - die Löwen traten ihr Heimrecht ab, absolvierten beide Spiele an einem Wochenende, und das Rückspiel wurde vor fast 3500 Zuschauern in der Arena Trier ausgetragen. Weil die Arena auch Gastgeber einiger Länderspiele war, wurden Jürgen Junk und Roman Barth auch offiziell vom DHB für drei Partien nominiert, zweimal gegen die Niederlande, einmal gegen Schweden. Der ganze große Wurf blieb den Wittlichern aber verwehrt - denn zwei saarländische Zeitnehmergespanne erhielten 2017 den Vorzug, als Trier Spielort der Frauen-Handball-WM war. "Schade, das hätten wir gerne mitgemacht", sagt Junk heute noch.

Neben Partien der Miezen waren Junk/Barth auch häufig beim Trierer Erzrivalen TuS Weibern (später Vulkanladies Koblenz/Weibern) im Einsatz, die einige Jahre vor den Miezen Insolvenz anmelden mussten. Weiterer Stamm-Spielort für die Wittlicher war der Männer-Zweitligist HG Saarlouis. Mit dem Abstieg der Miezen im Mai 2019 endete dann auch die Bundesliga-Karriere der beiden. Definitiver Schlusspunkt war dann das in diesem Jahr beschlossene Alterslimit von 70 Jahren für Zeitnehmer, das auch für die 3. Liga gilt, in der die Miezen normalerweise angetreten wären. Mit dem Rückzug der MJC schloss sich somit auch für Junk/Barth der Kreis nach über 25 Jahren. Auch wenn Barth noch ein paar Jahre hätte Zeitnehmer sein können, war für den Koch klar: "Ohne Jürgen mache ich auch nicht weiter."

Und so endete ihre Karriere nach über 400 Erstliga- und Zweitligaspielen dort, wo sie angefangen hatte - in Wittlich. Seit dem ersten Frauenturnier der HSG im Jahr 1999 waren Junk/Barth immer Zeitnehmer des Finales gewesen. So auch anno 2019, als der französische Meister und CL-Halbfinalist Metz Handball den deutschen Titelträger aus Bietigheim schlug. Aber so ganz auch Junk die Finger nicht vom Handball lassen: Mit 76 Jahren ist er immer noch Spielleiter der RPS-Mannschaften der HSG und zudem Staffelleiter der A-Jugend-Rheinlandliga.

(von Björn Pazen, mit freundlicher Genehmigung des Trierischen Volksfreunds)

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